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Das Ich in der Krise

  • Autorenbild: JH
    JH
  • vor 6 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Hallo du wundervoller Mensch,  

 

ich hoffe sehr, dass du den Januar bisher gut zur inneren Ausrichtung und Rückverbindung mit dir nutzen konntest.

 

Ich habe dir heute eine Frage mitgebracht, die das aktuelle Weltgeschehen förmlich einfordert. Eine Frage, die nicht beantwortet werden will, sondern erlebt. Eine Frage, die nicht nach Erklärung ruft, sondern nach Ehrlichkeit dir selbst gegenüber. Sie lädt dich ein, nicht nur nach äußeren Ursachen zu suchen, sondern nach dem, was in dir selbst berührt werden will.

 

Sie bringt etwas in Bewegung, wenn du ihr Raum gibst. Vielleicht spürst du sie eher, als dass du sie verstehst oder sie meldet sich leise dort, wo du sonst nicht so oft hinhörst.

 

Hol dir also gern noch dein Lieblingsgetränk und mach es dir so richtig gemütlich. Es könnte heute etwas länger dauern. Bist du bereit?

 

Wenn ich aktuell auf die Welt schaue, sehe ich viel Anspannung, viel Kampf um Anerkennung, Macht, Einfluss und Sicherheit. Ich sehe Systeme, die von Angst genährt werden, und Menschen, die sich behaupten müssen, um nicht unterzugehen.

 

Ich sehe dabei allerdings nicht nur politische oder wirtschaftliche Krisen, sondern vor allem eine Krise des Ichs. Ein Ich, das sich lange über Leistung, Besitz, Rollen und Zugehörigkeit definiert hat und nun spürt, dass diese Antworten nicht mehr tragen.

 

Dort, wo Identität an Rollen gebunden ist, entsteht der Impuls, sie zu schützen. Wo der eigene Wert aus Leistung erwächst, wird Stillstand bedrohlich. Und wo Anerkennung zur inneren Währung wird, entsteht Mangel und Konkurrenz.

 

Wenn dieses Ich ins Wanken gerät, breitet sich Unsicherheit aus. Und Unsicherheit sucht nach Halt im Außen, nach Kontrolle, nach Abgrenzung, nach Bedeutung oder Macht. Nicht aus Bosheit, sondern aus dem tiefen menschlichen Bedürfnis heraus, sich wieder sicher zu fühlen, wenn der Kontakt zu sich selbst verloren gegangen ist.

 

Vieles von dem, was wir im Außen so verzweifelt zu lösen versuchen, beginnt genau hier, an diesem Punkt, an dem der Mensch sich selbst nicht mehr spürt, sondern nur noch funktioniert.

 

Wir brauchen daher keine weiteren Antworten, sondern vielmehr den Mut, eine Frage zuzulassen, die nichts fordert und nichts verspricht. Eine einfache Frage und doch keine leichte.

 

Wer bist du?

 

Nicht als schnelle Antwort.

Nicht als Beschreibung

 

Sondern ganz konkret:

 

Wer bist du, wenn du mit dir alleine bist, wenn kein Blick von außen dich formt, wenn kein Anspruch an dich gestellt wird und niemand etwas von dir erwartet?

Wer bist du ohne deinen Job, ohne das, was du leistest, ohne das Haus, das du bewohnst, ohne das Auto, das dich durch die Welt bewegt?

Wer bist du ohne deine Rollen, ohne das Bild, das du von dir denkst, ohne die Geschichte, die du über dich erzählst?

 

Diese Fragen zielen nicht darauf ab, eine neue Identität zu finden. Sie wollen nichts ersetzen und auch nichts optimieren. Sie möchten eher einen Raum öffnen, in dem du dir selbst begegnest, jenseits von all dem, was dich sonst definiert.

 

Denn oft merken wir erst dann, wie sehr uns Dinge, Funktionen und Zuschreibungen halten, wenn wir sie gedanklich einmal wegnehmen und plötzlich nichts mehr da ist, woran wir uns festhalten können.

 

An diesem Punkt taucht bei vielen Menschen Unruhe auf. Manche spüren Leere, andere Unsicherheit, wieder andere den Impuls, sich schnell wieder zu beschäftigen, zu denken, zu planen oder sich neu zu definieren.

 

Doch genau dieser Moment des Nicht-Wissens ist bedeutsam. Er ist kein Mangel, sondern Teil eines inneren Wandels.

 

Die meisten Menschen haben verlernt, in diesem Zustand zu bleiben, in dem nichts klar ist und doch alles möglich wäre. Stattdessen haben sie gelernt, Leere mit Bedeutung zu füllen.

 

Ich habe keine fertige Antwort auf den Zusammenhang zwischen dieser inneren Frage und der aktuellen Weltlage. Ich spüre ihn eher, als dass ich ihn erklären könnte. Und vielleicht ist es gut, ihn nicht sofort zu benennen. Denn im Grunde geht es nicht darum, eine neue Wahrheit zu formulieren, sondern vielmehr darum, eine alte wieder zuzulassen.

 

Die Frage verändert mit Sicherheit nicht die Welt im Großen und Ganzen. Aber sie verändert die Art, wie du dir selbst begegnest. Und vielleicht beginnt genau dort etwas, das sich nach außen fortsetzt.

 

Ich lasse das Ergebnis an dieser Stelle bewusst offen. Nicht, weil es egal ist, sondern weil jede Benennung den Blick wieder enger machen würde.

 

Vielmehr lade ich dich ein, diese Frage mit dir gehen zu lassen, ohne sie beantworten zu müssen.

 

Nimm sie mit in stille Momente, in Übergänge, in Augenblicke, in denen nichts Besonderes passiert. Beobachte und spüre, was sich zeigt, wenn du nichts darstellen musst, wenn du nichts beweisen willst und wenn du dir selbst erlaubst, einfach da zu sein. Vielleicht liegt genau dort etwas, das wir gerade dringender brauchen als neue Ideen, neue Systeme oder neue Lösungen.

 

Veränderung beginnt nicht mit einem Plan, sondern mit mutigen Fragen nach Wahrheit. Und Frieden wird nicht verhandelt, sondern entsteht dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen.

 

Und so wünsche ich dir eine Woche, die nicht mit Schuld beginnt, sondern mit der Bereitschaft, dir selbst wirklich zu begegnen. Für dich, für mich und für eine Welt, die uns allen guttut.


Wenn du magst, teile gern mit mir, was diese Frage in dir berührt hat. Nicht als Antwort, sondern als Begegnung. Hier ist Raum dafür: kontakt@jeannetteholl.de

 

Herzliche Grüße

 

Jeannette




 
 
 
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