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Sind wir süchtig nach Problemen?

  • Autorenbild: JH
    JH
  • vor 20 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Ein herzliches Hallo du wunderbarer Mensch! Wie schön, dass wir uns gerade begegnen.

 

Sind wir süchtig nach Problemen? Diese Frage bewegt mich seit einigen Tagen und hat mich dazu inspiriert, heute meine Gedanken mit dir zu teilen. Und vielleicht ist es nicht nur ein Teilen, sondern eine Einladung an dich, deinen eigenen Antworten auf diese Frage zu begegnen.

 

Nimm dir daher gern Zeit für die Zeilen. Es lohnt sich.

 

Wenn du magst, hol dir gerade noch dein Lieblingsgetränk und lehn dich entspannt, aber wach, zurück. Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen!

 

Seit einiger Zeit beobachte ich etwas, das mich nachdenklich macht: Probleme haben sich zum festen Bestandteil unseres Alltagsdiskurses entwickelt. Nachrichten, Social Media, Gespräche beim Bäcker, politische Debatten, private Runden kreisen nahezu ununterbrochen um das, was nicht funktioniert. Probleme sind zur Leitwährung unserer Aufmerksamkeit geworden.

 

Und ich frage mich: Sind Probleme inzwischen Mainstream? Oder waren sie es schon immer, und wir sprechen heute nur in einer Dauerschleife darüber? Oder sind wir in einer leisen Form gar süchtig nach ihnen?

 

Bevor ich darauf antworte, möchte ich einen Schritt zurückgehen und eine grundsätzliche Frage klären: Was ist überhaupt ein Problem?

 

In der Psychologie beschreibt ein Problem die Differenz zwischen dem, was ist, und dem, was wir uns wünschen. Eine Lücke zwischen Realität und Erwartung. Oder anders ausgedrückt: Wenn Wahrnehmung und inneres Bild nicht zusammenpassen, entsteht Spannung. Diese Spannung nennen wir Problem.

 

Unser Gehirn liebt solche Spannungsfelder. Es ist darauf programmiert, Muster zu erkennen, Abweichungen zu registrieren und Lösungen zu suchen. Wenn wir dann etwas „gelöst“ haben, springt unser Belohnungssystem an. Ein Problem aktiviert uns also.

 

Doch was, wenn wir das Aktiviert-Sein selbst verwechseln mit Lebendigkeit?

 

Ich beobachte, wie Gespräche sich oft um das drehen, was fehlt, was nicht funktioniert und was alles schiefläuft. Das Sprechen über Probleme ist sogar sozial anschlussfähig geworden, denn Probleme verbinden. Wir fühlen uns einander nah, wenn wir gemeinsam etwas ablehnen oder fürchten.

 

In einer Welt, die komplexer, unsicherer und schneller geworden ist, bieten Probleme daher eine seltsame Form von Zugehörigkeit. Wer Probleme hat, gehört dazu. Wer jedoch sagt, dass es ihm gut geht und gerade alles rund läuft, wird nicht selten schief angeschaut – als würde etwas mit dieser Person nicht stimmen.

 

Neurowissenschaftlich betrachtet ist unser Gehirn grundsätzlich stärker auf Bedrohung und Mangel gepolt als auf Fülle. Der sogenannte Negativity Bias sorgt dafür, dass wir Gefahren und Störungen intensiver wahrnehmen als neutrale oder positive Ereignisse. Evolutionär hatte das seinen Sinn. Wer das Rascheln im Gebüsch ignorierte, wurde womöglich gefressen.

 

Heute raschelt es jedoch ununterbrochen – in Form von Nachrichten, Krisen und Kommentaren – und versetzt unser Nervensystem in einen Daueralarm.

 

Unter dem Deckmantel „Problem“ versteckt sich heute oft noch etwas ganz anderes: Gefühle, die wir nicht fühlen wollen. Angst, Ohnmacht, Scham, Überforderung etc.

 

„Ich habe ein Problem“ ist gesellschaftlich deutlich akzeptierter als „Ich fühle mich gerade hilflos“. Ein Problem klingt somit sachlich, lösbar und kontrollierbar.

 

Und nicht selten tarnt sich unter dem Wort Problem ein Identitätskonflikt. Wenn mein Selbstbild an Leistung hängt, wird jede Stagnation zum Problem. Wenn mein Wert von Anerkennung abhängt, wird Kritik zum Problem. Wenn ich Kontrolle brauche, wird Ungewissheit zum Problem. Doch in Wahrheit wird das Ich erschüttert.

 

Ist das Problem also wirklich ein Problem oder vielmehr ein Hinweis?

Ein Hinweis darauf, dass etwas nicht mehr stimmig ist. Dass Entwicklung ansteht. Dass Strukturen überholt sind oder wir innerlich nicht mitgewachsen sind.

 

Probleme haben zweifellos eine konstruktive Seite. Sie fordern uns heraus, kreativ zu werden. Sie aktivieren Problemlösekompetenz, Resilienz und Anpassungsfähigkeit. In der Lernpsychologie weiß man: Moderate Herausforderungen fördern neuronale Verschaltung und Wachstum. Ohne Reibung keine Entwicklung.

 

Probleme sind also nicht das Ende, sondern der Anfang einer möglichen Neuordnung, wenn wir sie als Information begreifen statt als Angriff.

 

Und doch lauert eine schleichende Gefahr in einer problemzentrierten Kultur.

 

Wenn Probleme zur Identität werden, wenn wir uns über sie definieren und permanent im Alarmmodus bleiben, verengt sich unsere Wahrnehmung. Alles erscheint größer, bedrohlicher und dringlicher.

 

Reden wir also wirklich noch über Probleme oder sprechen wir versteckt über unsere Ohnmacht?

 

Es gibt einen Unterschied zwischen Problembewusstsein und Problemfixierung. Ersteres schafft Klarheit. Letzteres lähmt.

 

Warum reden wir dann so häufig über Probleme?

 

Vielleicht, weil Probleme einfacher sind als Verantwortung. Ein Problem kann ich beklagen. Verantwortung muss ich übernehmen. Ein Problem kann ich projizieren. Verantwortung beginnt bei mir.

 

Es ist leichter, über das Außen zu sprechen, als die eigene innere Stabilität zu prüfen. Leichter, Systeme zu kritisieren, als die eigene Haltung zu reflektieren. Leichter, Empörung zu teilen, als Gestaltungskraft zu entwickeln.

 

Ich erlebe zudem eine subtile Dynamik: Probleme geben uns manchmal eine Art Daseinsberechtigung. Wer leidet, darf fordern. Wer überfordert ist, muss nicht gestalten. Wer im Problem verharrt, bleibt im Reagieren, nicht im Wirken.

 

Das klingt unbequem. Und doch berührt es einen wunden Punkt.

 

Denn manchmal ist das Problem ein Schutz. Ein Schutz davor, Verantwortung zu übernehmen. Ein Schutz davor, erwachsen zu werden. Ein Schutz davor, die eigene Macht anzuerkennen.

 

Unser Nervensystem liebt Vertrautes – selbst wenn es uns klein hält. Ohnmacht kann stabiler wirken als Selbstermächtigung. Denn Selbstermächtigung bedeutet Risiko. Sie bedeutet, nicht länger Zuschauer zu sein.

 

Das heißt nicht, reale Herausforderungen kleinzureden. Es gibt ernsthafte Krisen, strukturelle Ungerechtigkeiten und persönliche Schicksalsschläge. Aber selbst dort bleibt eine innere Frage offen:

 

Bleibe ich ausschließlich im Problem oder beginne ich, mich selbst darin neu zu entdecken?

 

Die entscheidende Frage ist nicht, ob es Probleme gibt, sondern wie ich ihnen begegne.

 

Ich bin davon überzeugt, dass wir eine neue Kultur im Umgang mit Problemen brauchen. Eine, die weder verdrängt noch dramatisiert. Eine, die anerkennt, dass ein Problem zunächst nur eine Beschreibung einer Diskrepanz ist und kein endgültiges Urteil über uns oder die Welt.

 

Eine Kultur, die nicht im Alarm verharrt, sondern bewusst benennt, was ist – und dann fragt: Was ist mein Anteil? Eine Kultur, die nicht nur analysiert, sondern gestaltet.

 

Vielleicht liegt die eigentliche Reife unserer Zeit nicht darin, Probleme zu vermeiden, sondern ihnen erwachsen zu begegnen.

 

Ein Problem bleibt nur so lange bedrohlich, wie wir es als Angriff begreifen. In dem Moment, in dem wir es als Information lesen, verschiebt sich etwas. Aus Reaktion wird Wahl. Aus Ohnmacht wird Verantwortung.

 

Echte Reife bedeutet nicht, das Problem zu bekämpfen, sondern bewusst zu wählen, wer du inmitten dessen sein willst.

 

Und manchmal verändert schon ein einziges Wort die innere Haltung. Was geschieht in dir, wenn aus einem „Problem“ eine „Herausforderung“ wird? Spüre einen Moment hinein und beobachte, was sich verändert.

 

Wenn dich ein Problem gerade mehr beschäftigt, als dir guttut, dann melde dich gern. Du musst da nicht allein durch. Meine Tür steht dir offen:

 

 

Ich wünsche dir noch einen wundervollen Tag.

 

Herzliche Grüße

 

Jeannette  




 
 
 

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