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Wann haben wir das Trauern verlernt?

  • Autorenbild: Jeannette Holl
    Jeannette Holl
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Ein herzliches Hallo zu dir. Schön, dass wir uns hier begegnen. Bitte achte beim Lesen heute besonders gut auf dich.

 

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich die Frage gestellt, was den Menschen wirklich heilt. Seitdem begleiten mich viele Nachrichten, Gespräche und auch meine eigenen Gedanken. Und aus all dem bahnte sich ein Thema seinen Weg an die Oberfläche, das auf den ersten Blick so gar nicht zur Jahreszeit passen will.

 

Die Seele kennt jedoch keine Jahreszeiten. Sie hält sich nicht an Kalender. Sie fragt nicht, ob gerade Sommer oder Herbst ist. Sie zeigt uns das, was gesehen und gefühlt werden möchte. Und deshalb bekommt dieses Thema heute Raum.

 

Die Rede ist von Trauer.

 

Oft verbinden wir Trauer mit dem Tod eines geliebten Menschen. Dabei trauern wir viel häufiger, als uns bewusst ist. Wir trauern um Beziehungen, die zerbrochen sind. Um Träume, die sich nie erfüllt haben. Um eine Kindheit, die anders hätte sein dürfen. Um Gesundheit. Um Vertrauen. Um Menschen, die noch leben und uns dennoch verloren gegangen sind. Manchmal trauern wir sogar um den Menschen, der wir selbst einmal waren.

 

Und dennoch habe ich den Eindruck, dass Trauer in unserer Gesellschaft kaum noch einen Platz hat.

 

Wir leben in einer Zeit, in der alles möglichst schnell wieder gut werden soll. Schmerz soll verschwinden. Tränen sollen versiegen oder sich erst gar nicht zeigen. Nach vorne schauen gilt als Stärke.

 

Doch wie soll etwas seinen Platz finden, wenn wir ihm nie erlauben, wirklich da zu sein? Wie soll man etwas loslassen, das nie wirklich betrauert wurde?

 

Ich glaube genau hier liegt eines der größten Missverständnisse unserer Zeit. Ich selbst habe viele Jahre geglaubt, loslassen zu müssen. Heute fühlt sich das für mich nicht mehr stimmig an.

 

Wenn ich einen geliebten Menschen verliere, möchte ich ihn gar nicht loslassen. Ich möchte ihn lieben dürfen, ohne ihn festhalten zu müssen.

 

Wenn ich eine schmerzhafte Kindheit hatte, möchte ich sie nicht loswerden. Ich möchte ihr ihren Platz geben, ohne dass sie mein Leben bestimmt.

 

Wenn ich Schmerz empfinde, möchte ich ihn nicht wegmachen. Ich möchte ihn fühlen dürfen, bis er von selbst weiterzieht.

 

Das nenne ich frei lassen.


Frei lassen bedeutet für mich, dem Vergangenen seinen Platz zu geben. Denn absolut alles darf Teil unserer Geschichte sein, ohne unsere Zukunft bestimmen zu müssen. Trauer schwächt uns nicht. Sie macht sichtbar, was unser Herz berührt hat.

 

Denn worum trauern wir eigentlich? Doch nur um das, was uns einmal etwas bedeutet hat.

 

Trauer erzählt immer von Liebe, Verbundenheit und von Sehnsucht. Sie ist deshalb eine der ehrlichsten Ausdrucksformen unseres Menschseins.

 

Mir begegnen immer wieder Menschen, die glauben, längst über etwas hinweg zu sein. Doch dann genügt ein einziger Satz, ein Lied oder ein Foto und plötzlich sind die Tränen wieder da. Nicht weil etwas schiefgelaufen ist, sondern weil die Trauer geduldig gewartet hat.

 

Im Grunde ist Trauer gar nicht das Problem. Es ist unsere Angst vor ihr. Wir fürchten den Schmerz, die Hilflosigkeit, die Tränen und den Moment, in dem wir nicht mehr funktionieren. Deshalb geben wir der Trauer oft keinen Raum. Und genau das kostet Kraft.

 

Trauer ist kein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Sie ist die Sprache der Liebe. Dort, wo wir wirklich geliebt haben, entsteht auch Trauer. Und dort, wo wir uns Liebe gewünscht haben, und sie doch nie erfahren durften, auch. Daher ist Trauer nicht das Gegenteil von Liebe, sondern ihre Schwester.

 

Ich glaube, wir brauchen Trauer, um wirklich weitergehen zu können. Erst wenn wir trauern, kann sich etwas in uns lösen.

 

Und genau deshalb frage ich mich:

Wann haben wir das Trauern verlernt?

Wer hat uns beigebracht, dass Tränen Schwäche bedeuten?

Dass wir funktionieren müssen?

Dass wir möglichst schnell wieder die Alten sein sollen?

 

Trauer braucht keine Lösung. Sie braucht einen Raum. Denn sie möchte gesehen und angenommen werden. Genau darin liegt ihre heilsame Kraft. Nicht, weil sie den Schmerz sofort verschwinden lässt, sondern weil sie uns langsam wieder mit dem verbindet, was wir tief in uns längst wissen. Nämlich dass alles, was wir geliebt haben, einen Platz in unserem Herzen behalten darf und dass Liebe nicht endet, nur weil sich ihre Form verändert.


Vielleicht berühren meine Worte heute genau den Punkt, an dem du gerade stehst. Schenke dir daher gern selbst in den nächsten Tagen immer wieder einen stillen Moment, um etwas, was in dir lebt, (s)einen Platz zu geben.

 

Wenn du dir dabei Unterstützung wünschst, dann lass es mich wissen: kontakt@jeannetteholl.de. Ich bin gern für dich da.


Für heute wünsche dir Menschen, bei denen deine Tränen genauso willkommen sind wie dein Lachen und einen Ort, an dem alles da sein darf, was zu dir gehört.

 

Herzliche Grüße

 

Jeannette




 
 
 

2 Kommentare


Gast
vor 2 Tagen

So schön und zutreffend geschrieben.

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Jeannette Holl
vor 2 Tagen
Antwort an

Schön, dass dich meine Zeilen berührt haben. Danke fürs Lesen. 🙏💚🙏

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