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Alles geht den Bach runter

  • Autorenbild: Jeannette Holl
    Jeannette Holl
  • 23. Aug.
  • 5 Min. Lesezeit

Hallo du wunderbarer Mensch!

 

In verschiedenen Artikeln habe ich mich bereits mit dem Zustand unserer Welt beschäftigt.

 

In „Das ICH in der Krise“ ging es um die Frage, was geschieht, wenn der Mensch den Kontakt zu sich selbst verliert. In „Die Lüge, die wir Wahrheit nennen“ darum, wie schnell wir unsere Sicht auf die Wirklichkeit mit der Wirklichkeit selbst verwechseln. Und in „Bewusstsein schafft Frieden“ um die Verantwortung, die daraus für jeden Einzelnen entsteht.

 

Ein Gedanke ist dabei bisher offengeblieben und bekommt heute seinen Platz.

 

Damit sage ich herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von „ERKENNE - ERWACH(S)E - ERLEBE“. Ich freue mich, dass du meinen Zeilen und vor allem dir selbst wieder einen Moment Aufmerksamkeit schenkst.

 

Deutschland geht den Bach runter.

 

Diesen Satz höre ich in letzter Zeit häufig. Mal fällt er in einem Gespräch, mal erscheint er als Schlagzeile und manchmal schwingt er unausgesprochen zwischen den Zeilen mit. Auch in mir gibt es Tage, an denen dieser Satz wie selbstverständlich Platz nimmt.

 

Wer sich täglich mit Nachrichten beschäftigt, kann leicht den Eindruck gewinnen: Es wird immer schlimmer. Und manchmal fühlt es sich tatsächlich so an. Doch stimmt es auch?

 

Ja, es gibt ernsthafte Entwicklungen, die Anlass zur Sorge geben. Deutschlands wirtschaftliche Probleme sind real. Die Sicherheitslage in Europa hat sich verändert, unsere Demokratie steht unter Druck. Auch die Folgen des Klimawandels und der Verlust unserer natürlichen Lebensgrundlagen lassen sich nicht wegdiskutieren.

 

Das Gefühl, dass etwas ins Rutschen geraten ist, ist also nicht eingebildet. Manche Entwicklungen brauchen unsere Aufmerksamkeit, vielleicht sogar unsere ganze Wachheit.


Doch während manches ins Rutschen gerät, trägt anderes und entwickelt sich weiter. Viele Menschen haben Arbeit. Die Kaufkraft erholt sich. Erneuerbare Energien ersetzen zunehmend fossile Quellen. Soziale Sicherungssysteme fangen Not auf. In zahlreichen Bereichen Europas gibt es messbare Fortschritte.


Nicht überall, nicht schnell genug und schon gar nicht so spektakulär, dass diese Fortschritte täglich unsere Aufmerksamkeit erreichen. Aber sie existieren.

 

Wir sehen nicht die Welt. Wir sehen einen Ausschnitt. Und genau hier liegt das Problem.

 

Wir nehmen an, wir würden uns über „die Welt“ informieren. Tatsächlich aber erfahren wir überwiegend etwas über die Stellen, an denen gerade etwas zerbricht, eskaliert oder aus dem Ruder gerät. Das, was trägt, hören wir selten und es bleibt daher häufig unsichtbar. Nicht, weil es nicht existiert, sondern weil das Funktionierende selten nach Aufmerksamkeit ruft.

 

Während Krisen also laut auftreten, geschieht Fortschritt meistens leise.

 

Eine Fabrikschließung ist eine Nachricht. Die vielen Unternehmen, die weiterhin bestehen, Menschen beschäftigen und sich neu erfinden, sind es selten.

 

Ein Krieg erschüttert die Welt. Dass Millionen Menschen jeden Tag friedlich miteinander leben, füreinander sorgen und Konflikte ohne Gewalt lösen, erscheint uns selbstverständlich.

 

Wir erfahren von dem einen Menschen, der einem anderen Schaden zufügt. Aber nur selten von all jenen, die helfen, schützen, pflegen, trösten oder Verantwortung übernehmen.

 

Nachrichten berichten vom Außergewöhnlichen. Genau darin liegt ihre Aufgabe.

 

Schwierig wird es, wenn wir das Außergewöhnliche für den Normalzustand halten. Wenn aus einzelnen Krisen ein allumfassendes Lebensgefühl entsteht und daraus die Gewissheit:

Alles geht den Bach runter.

 

Krisen treten als Ereignisse in Erscheinung. Sie beginnen an einem bestimmten Tag, haben Bilder, Überschriften und Namen. Sie unterbrechen unseren Alltag und verlangen nach Aufmerksamkeit.

 

Fortschritt verhält sich anders. Er entsteht meist langsam, über Jahre hinweg und in vielen kleinen Schritten. Jeder einzelne ist zu unscheinbar, um als Nachricht wahrgenommen zu werden.

 

Das Schlechte hat einen Auftritt. Das Gute hat oft nur eine Entwicklung.

 

Dabei geht es nicht darum, alles in Gut oder Schlecht einzuteilen. Entscheidend ist, dass beides auf unterschiedliche Weise sichtbar wird. Und was wir häufig sehen, halten wir irgendwann für die vorherrschende Wirklichkeit.


Unser Gehirn reagiert besonders sensibel auf Gefahren. Negative Informationen ziehen uns an, weil sie etwas enthalten könnten, das für unser Überleben wichtig ist. Diese Fähigkeit schützt uns. Doch in einer Welt, in der uns die Bedrohungen des gesamten Planeten täglich erreichen, hat sie einen Preis.

 

Wir erfahren nicht mehr nur, was in unserer unmittelbaren Umgebung geschieht. Innerhalb weniger Minuten erleben wir Kriege, Katastrophen, Verbrechen, wirtschaftliche Zusammenbrüche und politische Konflikte aus allen Teilen der Welt.


Unser Verstand kann einordnen, dass diese Ereignisse an unterschiedlichen Orten stattfinden. Unser Körper reagiert dennoch auf die Bilder, die Sprache und ihre ständige Wiederholung. Er bleibt wachsam und bereit für das, was als Nächstes kommen könnte. Und irgendwann beschreibt der Satz „Alles geht den Bach runter“ nicht mehr nur unsere Einschätzung der Welt, sondern unseren inneren Zustand.

 

Ein dauerhaft alarmierter Mensch sucht unbewusst nach allem, was seine Wachsamkeit bestätigt. So kann aus einem begrenzten Ausschnitt nach und nach unser Bild der ganzen Welt entstehen – für den Einzelnen und schließlich auch für eine Gesellschaft.


Doch die Welt ist größer als das, was wir von ihr sehen.

 

Ja, unsere Demokratie steht unter Druck. Und zugleich engagieren sich unzählige Menschen für Freiheit, Würde und ein friedliches Zusammenleben.


Ja, unsere Lebensgrundlagen sind gefährdet. Und zugleich verändert sich die Art, wie wir Energie erzeugen, Ressourcen nutzen und über unsere Verantwortung gegenüber der Natur nachdenken.


Ja, Menschen verlieren Sicherheit, Besitz und manchmal ihre ganze Existenz. Und zugleich arbeiten soziale Gemeinschaften, Hilfsorganisationen und staatliche Strukturen jeden Tag daran, Not zu lindern und Menschen aufzufangen.


Beides ist wahr. Das eine hebt das andere nicht auf.

 

Kein Fortschritt macht einen Krieg ungeschehen. Keine positive Entwicklung nimmt einem Menschen den Schmerz über den Verlust seines Arbeitsplatzes. Und keine Krise löscht aus, was sich an anderer Stelle verbessert.

 

Gerade dort, wo Menschen leiden, Freiheit bedroht ist oder Lebensgrundlagen zerstört werden, müssen wir hinsehen. Aber wir sollten uns bewusst bleiben: Was wir sehen, ist niemals das Ganze.


Außerhalb unseres Blickfeldes geschieht weiterhin, was selten eine Schlagzeile bekommt: Menschen helfen einander, finden Lösungen, lindern Not und entscheiden sich gegen Gewalt, obwohl sie möglich wäre.


Auch das ist Wirklichkeit.

 

Ich glaube, unser Irrtum besteht darin, dass wir alles, was gleichzeitig geschieht, in eine einzige Geschichte pressen wollen. Entweder geht es aufwärts oder abwärts. Entweder ist die Welt gut oder schlecht. Entweder besteht Grund zur Hoffnung oder zur Sorge.

 

Doch das Leben ist selten so eindeutig.

 

Deshalb brauchen wir keinen schöneren Blick auf die Welt, sondern einen vollständigeren. Einen, der Gefahren erkennt, ohne das Funktionierende zu übersehen. Denn wer nur Dunkelheit sieht, verliert leicht seine Handlungsfähigkeit. Nicht weil ihm alles gleichgültig ist, sondern weil das Gefühl entsteht, ohnehin nichts mehr bewirken zu können.

 

Die Untergangserzählung macht die Probleme nicht kleiner. Aber sie macht uns kleiner als die Probleme.

 

Wir können nicht verhindern, dass Nachrichten das Außergewöhnliche zeigen. Wir können nicht jede Krise lösen und nicht jede Entwicklung überblicken. Aber wir können uns fragen, ob das, was uns täglich erreicht, wirklich genügt, um daraus ein Urteil über die ganze Welt zu bilden.

 

Vielleicht beginnt unsere Verantwortung genau dort: nicht wegzusehen, wenn es dunkel wird – aber darüber auch das Licht nicht zu vergessen.

 

Denn der beleuchtete Teil ist niemals das Ganze.

 

Hab noch einen lichtvollen Tag und pass gut auf dich auf.

 

Herzliche Grüße

 

Jeannette



 
 
 

4 Kommentare


Gast
23. Aug.

Meine Liebe Jeannette.

Perfekt zusammen gefasst und geschrieben. Genau so ist. Und so empfinde ich es auch. Ich weiß das viel Gutes geschieht ,aber um unsere Demokratie mach ich mir wirklich Sorgen.

Hab einen schönen Sonntag

LG Gernila

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Jeannette Holl
23. Aug.
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Liebe Gernila,


vielen Dank für deine Worte und dafür, dass du deine Sorgen so offen mit mir teilst.


Demokratie zeigt sich zum Glück nicht nur in Parlamenten und an Wahlurnen, sondern auch darin, wie wir im Alltag miteinander umgehen, ob wir andere Meinungen aushalten, einander zuhören und die Würde des Menschen auch dort achten, wo es schwierig wird.


Genau dort können wir unsere Demokratie am wirksamsten stärken: indem wir sie selbst leben.


Hab du auch noch einen schönen Sonntag.


Herzliche Grüße


Jeannette


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Martina T.
23. Aug.

Hallo du wundervolle Jeanette,


ich liebe deine Sichtweise auf die Dinge und Geschehnisse der Welt. Es fühlt sich sehr bereichernd an, vielen Dank für dein sein.


Ganz liebe Grüße

Martina T.

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Jeannette Holl
23. Aug.
Antwort an

Liebe Martina,


Danke, fürs Lesen und dein Feedback. 🙏😊 Ich freue mich, dass dich meine Texte erreichen und bereichern.


Genieße noch einen zauberhaften Sonntag.


Herzliche Grüße


Jeannette

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